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Seit dem Blockupy- und M18-Aktionstag am 18.03.2015 in Frankfurt am Main kursiert die Idee eines Beyond Europe-Camps in sämtlichen internen Diskussionen und Nachbereitungen. In den letzten drei Wochen hat diese Idee nun konkretere Formen angenommen: Auf die Initiative des Netzwerkes „Antiautoritäre Bewegung“aus Thessaloniki wird ein erstes solches Camp vom 18. bis 25. August 2015 im Nordosten Chalkdikis in Griechenland stattfinden.

Warum ein Beyond Europe-Camp? Bereits Wochen vor dem Aktionstag in Frankfurt a.M. deutete sich an, dass Beyond Europe einen physischen Raum der Zusammenkunft braucht. Vor allem denjenigen Genoss*innen, die nicht regelmäßig und intensiv den Beyond Europe-Prozess verfolgen, muss eine Möglichkeit gegeben sein, sich besser kennenzulernen und ihrerseits die Dynamik eines internationalen Austausches aufzubauen. Wie ihr alle wisst ist Beyond Europe immer noch in einer experimentellen Phase – deshalb waren und sind das sich Kennenlernen und der Austauschprozess nach wie vor hohe Prioritäten. Der Grundgedanke hinter diesem Beyond Europe-Camp ist darüber hinaus ebenfalls, den internen Prozess auch für nicht bei Beyond Europe organisierte Genoss*innen in und jenseits von Europa transparent zu machen und diese darin einzubinden. Dies spiegelt einen der Gründungsansprüche von Beyond Europe wieder: den Austausch und die Diskussion öffentlich sowie zugänglich zu gestalten, um die isolierten Insel von Organisierung zu verlassen und diese auf eine internationale Dimension zu heben.

Warum in Chalkidiki? Der öko-soziale Kampf gegen die Reaktivierung der Goldminen im Nordosten Chalkidikis (bei Thessaloniki) ist eine der wichtigsten und ausschlaggebendsten Angelegenheiten bezüglich Innenpolitik und die Rolle von sozialen Bewegungen zur neu gewählten (Links-)Regierung in Griechenland. Die Anwohner*innen vor Ort in Chalkidiki und in Thessaloniki bitten um internationale Unterstützung sowohl für ihre Aktionen als auch für die Weiterentwicklung ihres Diskussionsstandes, der momentan an einigen Stellen mit entscheidenden Fragen konfrontiert ist: Was ist zu tun gegen die zunehmenden polizeilichen und juristischen Repression? Wie ist mit einem Krisenregime auf internationaler Ebene umzugehen?

In den folgenden Wochen veröffentlichen wir hier auf camp.beyondeurope.net weitere Informationen zum Camp: Aufruf, politisches und kulturelles Programm, technische Details, Anmeldung etc.

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Einladung zum ersten internationalen Beyond Europe-Camp in Chalkidiki, Griechenland, vom 18.-25. August (von Antiautoritäre Bewegung Thessaloniki – der Beyond Europe Aufruf folgt in den nächsten Wochen)

Im Nordosten Chalkidikis hat ein langer Kampf, der sich mittlerweile in einer Revolte von Anwohner*innen vor Ort gegen den Repressionsapparat aber auchgegen die lokalen Behörden zuspitzt, folgendes Thema aufs Tableau gebracht: die Ausmaße kapitalistischer Entwicklung aber auch den von den Anwohner*innen selbst geübte Widerstand dagegen.

Das kanadische Bergbauunternehmen “Eldorado Gold” hat auf der Suche nach weiteren Profitquellen beschlossen, eine ganze Region um einen bedeutenden Berg mitsamt einer altbestehenden Waldfläche auszulöschen – unbeeindruckt von der lokalen Viehzucht, Bienenhaltung und Landwirtschaft sowie wunderschönen Stränden und punktuellem Tourismus, die damit allesamt zu Grunde gehen. Dabei betreibt das Unternehmen eine skandalöse Komplizenschaft mit dem griechischen Staat sowie der größten griechischen Baufirma, „Aktor“.

Wie von vielen im Vorhinein geahnt, beschränkt sich das Vorhaben von „Eldorado Gold“ nicht nur auf Chalkidiki, sondern erstreckt sich über Mazedonien und Thrakien, wo ebenfalls signifikante Goldvorkommen ausgemacht wurden. Die vom Unternehmen überall auf der Welt angewandte (und vielerorts verbotene) Methode der Metallverarbeitung über die Herstellung von Cyaniden ist hochgiftig für Mensch und Umwelt und lässt keinerlei Zweifel darüber, wie sehr die Region in Mitleidenschaft gezogen wird.

Dieses pharaonische Projekt, was eine umfassende ökologische Katastrophe für Griechenland mit sich zieht, kann nicht ohne harsche Repression vonstattengehen. Damit bringt es eine weitere schwere Industrie hervor, nämlich die Industrie der Kriminalisierung und der juristischen Strafverfolgung. Momentan sind mehr als 300 Anwohner*innen und solidarische Unterstützer*innen im Visier dieser Industrie, vielen werden schwere Straftaten zur Last gelegt. All dies geschah während den Jahren unter der Ägide von PASOK (Sozialdemokraten) und Nea Democratia (Konservative), die eine unerbittliche repressive Härte für die Region verordneten; doch vor einem Jahr gab es erstmals Andeutungen, dass sich auch auf institutioneller Ebene etwas ändern könnte.

Zunächst wurde bei den Kommunalwahlen im Mai 2014 ein Kandidat zum Bürgermeister gewählt, der von der Anti-Goldminen-Bewegung unterstützt wurde. Bei den Parlamentswahlen im Januar 2015 erhielt mit Syriza eine Partei, die u.a. das Ende des Goldminenprojekts ankündigte, die meisten Stimmen.

Vor Ort sind die Entwicklungen allerdings vor allem für all diejenigen, die ihre gesamte Hoffnung in die die Wiege der Institutionen legten, enttäuschend. Vor zwei Monaten trat der Bürgermeister, nicht in der Lage eine substantielle Antwort auf das Problem zu finden, zurück. Die neue linke Regierung beschränkt sich auf ein Spiel der Zeit und hält sich zurück, da sie offenbar keineswegs beabsichtigt, die zwei Unternehmen „Eldorado Gold“ und „Aktor“ mit offenen Visier zu konfrontieren. Die Konsequenz ist, dass die (Um-)Bauarbeiten an den Minengebieten noch intensiver fortgesetzt werden und die Transformation vom altbestehenden Waldgebiet von Skouries in einer Mondlandschaft gleichender Fläche seinen Lauf nimmt.

Gleichzeitig befindet sich die Anti-Minen-Bewegung, die größte Bewegung im krisengebeuteltes Griechenland, an einem Scheideweg. Schließlich wird die Last der laufenden und noch kommenden Strafverfolgung und Gerichtsprozesse immer und immer höher.

Somit ist über jeden Zweifel hinaus gezeigt, dass die Versprechen über eine definitive Lösung des Problems über eine realpolitische Delegation nicht eingehalten werden können. Die für den Glauben an einer institutionellen Lösung verschwendete Zeit bekräftigt nur diese Tatsache, dass nur der Kampf einer ohne Schlichter*in auskommenden Basisorganisation den Erfolg der Anti-Minen-Bewegung sichern kann. Die Autonomie der Bewegungen gegenüber jeder Regierung sollte ein unverletzliches Prinzip sein und bleiben.

Dies ist der neue Kampfzyklus, der über die Bewohner*innen und den Basiskomitees hereinbricht. Und genau in diesem spezifischen Moment ergreift die internationale, antikapitalistische und antiautoritäre Plattform „Beyond Europe“ Initiative, um vom 18.-15. August ein Camp der praktischen Solidarität am Strand von Ierissos zu errichten; diesen Ort traf die Staatsrepression am härtesten.

Dies ist eine Einladung an alle, die aktiv sein möchten im Kampf um Land und Freiheit, gegen die zerstörerischen Entwicklungen und Pläne des Kapitals. Wir richten uns an Einzelpersonen sowie Gruppen und bitten euch zur Beteiligung und Organisation am politischen und kulturellen Programm als auch an den Aktionen vor Ort, die gemeinsam mit den Anwohner*innen und Komitees von Chalkidiki geplant werden. Wir laden euch ein, einen Hauch von Freiheit und Selbstbestimmung zu einem der wichtigsten sozialen Kämpfe beizutragen, dessen Bedeutung momentan Leuchtturmwirkung auf viele andere Kämpfe in Griechenland haben kann. Für uns liegt der Sinn sowie die Würde des Lebens im internationalen gemeinsamen Feld des Kampfes für die Befreiung der Menschen von der Tyrannei des Kapitalismus und von der Hegemonie des Staates und der kapitalistischen Herrschaft.

3. Juni 2015